1. Navigation
  2. Inhalt
  3. Herausgeber
Inhalt

Begriff

Baukultur in Sachsen

I. Das Thema Baukultur steht seit den letzten Jahren vermehrt im Mittelpunkt öffentlich geführter Diskussionen. Vor allem die großen Zeitungen in Deutschland veröffentlichen kritische und anregende Artikel über den Stellenwert baukultureller Werte für unsere Gesellschaft.

Anlass sind in aller Regel Bauvorhaben von herausragendem Interesse für die Öffentlichkeit. In den Medien wird dann sehr schnell deutlich, mit welchen Argumenten Befürworter und Kritiker sich gegenüberstehen.

Einerseits fällt zunächst auf, in der Art, wie argumentiert wird, dass für viele von uns gestalterische Fragen keinesfalls beliebig sind. Das ist ein gutes Zeichen; führt diese Aufmerksamkeit doch zu deutlich mehr Nachfragen an die Gestaltungsgrundsätze der Architekten und der Ingenieure. Gleichermaßen wird in diesem dialogischen Prozess die politische Meinungsbildung beeinflusst.

Andererseits wird aber auch deutlich, dass die Argumente oft zu wenig von den gegenseitigen Beeinflussungen und Auswirkungen auf die Stadt als Ganzes erkennen lassen - mithin Langfristziele reflektieren. Darin können wir ein Orientierungsdefizit sehen oder wir können deuten, dass die Vielfalt heutiger baulicher Möglichkeiten, die Gefahr mit sich bringt, am richtigen Ort genau das Falsche zu tun?

Die Folgen für den Städtebau in den Nachkriegsjahrzehnten sind nach allgemeinem Konsens negativ; die letzten Jahrzehnte werden nicht zu den herausragenden Bauepochen zählen.

II. Ein Grund für das steigende Interesse an der baukulturellen Fragen im weitesten Sinne ist ganz gewiss in der gesellschaftlichen, wie auch in der wirtschaftlichen und umweltpolitischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte zu sehen.

Die Defizite, die diese Entwicklung in unserer gebauten Umwelt, in den urbanen, also vornehmlich in den stadt-räumlich-gestalterischen Strukturen hinterlassen hat, sind spürbar; vor allem auch deshalb, weil die Auswirkungen dieser Veränderungen nicht singulär sind, sondern unsere Städte, unsere Landschaften und unser tägliches Leben weitreichend beeinflussen.

Ein Ende dieser Entwicklung ist zumindest im globalen Maßstab nicht absehbar. Vielmehr trifft zu, dass die Welt Stadt wird. Für die Hälfte der Erdbewohner ist die Stadt heute bereits die Lebensrealität geworden. Im Jahr 2030 werden 60% der Weltbevölkerung in Städten leben - ein Prozess der zu Agglomerationen riesigen Ausmaßes führen wird; Megapolen und Hyperpolen sind die Schlagworte für städtebauliche Strukturen, die nur noch wenig mit dem Gedanken Städte zu planen, wie er an den Universitäten gelehrt wird, zu tun hat.

In den Industrienationen des 20. Jahrhunderts sind hingegen mehrheitlich andere Entwicklungen zu erwarten. Hier ist in nicht die Dynamik des Wachstums der Städte zu spüren, vielmehr das Gegenteil ist der Fall - aber eben nicht grundsätzlich: ein schleichender Prozess der Auszehrung der Städte in ihrer Bindungsfunktion für Peripherie und Umland.

Diese Auszehrung der Städte ist keinesfalls überall in gleichem Maße wahrnehmbar. In Sachsen ist vor allem der Bevölkerungsrückgang einschneidend. Schleichend werden so in der einen oder anderen Art die städtebaulichen Strukturen in Schüben aufgelöst.

Die Bindungs- und Konzentrationsfunktion der alten Kernstädte, mit einer abnehmenden Wohnbevölkerung einhergehend, geht zusehends verloren; die Peripherie übernimmt viele ihrer Aufgaben. Die Auswirkungen auf das Funktionsgeflecht einer Stadt sind unbestreitbar negativ. Die Europäische Stadt wird zur beliebigen Stadt mit historischen Rudimenten. Beide Entwicklungen sind gleichsam dramatisch für geordnete städtebauliche Ansätze, aber sie sind auch mit Blick auf die infrastrukturellen Kosten der Städte bedenklich.

Jeweils in anderer Art werden beide Stadttypen zugleich von den global arbeitsteilig wirkenden wirtschaftlichen Kräften und Prozessen betroffen. Expansion und Kontraktion der Städte werden durch globale Prozesse überlagert.

Die nahezu vollständige Verstädterung, die erwartet wird, erhöht den Stellenwert von baukulturellen Fragen im menschlichen Leben zweifellos - ein Zuviel des Einen bewirkt immer das Gegenteil des Anderen. Welche Antworten in den Städten von Morgen gefunden werden, ist noch offen.

Eines ist jedoch klar: Städte, die baukulturelle Werte nicht nur als Inseln des Atmosphärischen bewahren, sondern Lebenswert schaffen, werden für viele Menschen vermutlich ungleich attraktiver sein. Und dies gleich in zweierlei Hinsicht: attraktiv in ihrer wirtschaftlichen Anziehungskraft und attraktiv für das Wohnen. Dynamische junge Menschen werden wohl mehrheitlich nicht die monotonen Großstadtsiedlungen der Nachkriegsjahrzehnte zu ihrem bevorzugten Habitat wählen, sondern eher den Ring der äußeren Innenstädte als bevorzugte Wohnlage wählen - Konzentration auf die Mitte.

Um es unmissverständlich auszudrücken: es geht dabei keineswegs vorrangig nur um die historische Bausubstanz, sondern vielmehr darum, wie wir mit unseren heutigen Gestaltungsmöglichkeiten, mit unserer Kreativität, gerade mit moderner Architektur ein Wohn-, Arbeits-, und Lebensumfeld gestalten, dass dem Menschen mit seinen Ansprüchen besser gerecht wird, als es die schlechten Beispiele der Neuzeit vermögen.

III. Demografische Veränderungen, die Globalisierung wirtschaftlicher Prozesse sowie die Polarisierung individueller und sozialer Strukturen bilden die zukünftigen Einflussfaktoren, auf die das Bauen reagieren wird.

Vor allem die Planung und die Ausführung von Bauvorhaben sind für die Qualität der gebauten Umwelt maßgeblich. Die Qualität der Baukultur beeinflusst ihrerseits reflexiv, wie sehr sich unsere Gesellschaft für ihre gebaute Umwelt und deren Pflege verantwortlich fühlt und für diesbezügliche Wertfragen sensibilisiert ist. Erst eine hohe Qualität der Baukultur wird zur Identifikation der Menschen mit ihrer Stadt führen.

Diese Wertschätzung weckt Verantwortung für einen empfindsamen Umgang mit Kultur und Natur; sie stärkt zudem lokal das Interesse an Stadtpolitik und damit letztlich an unserer Werteordnung.

Heute wird die Stadtentwicklung von den Bürgern nicht mehr lediglich als das Ergebnis städtischer Planung angesehen. Viele Bürger und wirtschaftliche Interessenvertreter beteiligen sich aktiv an diesem Prozess; sie tragen auf diese Weise punktuell zu einer qualitativ hochwertig gebauten Umwelt bei.

Aus diesen Erwägungen hat sich das Sächsische Staatsministerium des Innern, in enger Partnerschaft mit der Architektenkammer Sachsen, der Ingenieurkammer Sachsen und der Technischen Universität Dresden - stellvertretend für alle Lehr- und Forschungseinrichtungen des Freistaates Sachsen - entschlossen die Initiative Baukultur Sachsen zu gründen. Ende Oktober 2007 ist der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement der Initiative beigetreten.

Ziel der Initiative ist, baukulturelle Themen sowohl in der interessierten Öffentlichkeit als auch in Fachkreisen zu koordinieren und zu publizieren. Wir möchten das Bewusstsein für Baukultur in Deutschland und insbesondere in Sachsen stärken, das Bewusstsein, dass Baukultur grundlegend für eine den menschlichen Bedürfnissen entsprechende gebaute Umwelt ist.

    Marginalspalte


    Baukultur Sachsen

    © Sächsisches Staatsministerium des Innern